
Der Video-Schiedsrichter im Fußball erhält deutlich mehr Macht und dürfte damit noch öfter kontroverse Diskussionen auslösen. Die internationalen Regelhüter des International Football Association Board (Ifab) beschlossen in Wales weitreichende Reformen. Die neuen Bestimmungen könnten bereits bei der Weltmeisterschaft im kommenden Sommer gelten.
In der Bundesliga dürften sie ab nächster Saison Anwendung finden. Die Reaktionen auf die Regel-Revolution fallen unterschiedlich aus: Während der Mainzer Trainer Urs Fischer und Schiedsrichter-Experte Thorsten Kinhöfer Kritik äußern, sieht Leverkusens Coach Kasper Hjulmand durchaus positive Ansätze.
VAR kann Platzverweis korrigieren
Künftig darf der Video-Assistent auch bei Eckbällen eingreifen. "Sofern die Überprüfung sofort und ohne Verzögerung der Spielfortsetzung durchgeführt werden kann", heißt es in der Mitteilung. So soll verhindert werden, dass ein zu Unrecht zugesprochener Eckstoß direkt zu einem Tor führt.
Gecheckt werden bald auch Gelbe Karten, die zu einem Platzverweis führen. Nicht kontrolliert werden hingegen erste Gelbe Karten oder nicht geahndete Verwarnungen, die zu einer Gelb-Roten Karte hätten führen können – es sei denn, nachweislich wurde der falsche Spieler oder das falsche Team bestraft.
Der Mainzer Trainer Urs Fischer findet die neuen Regeln "ein bisschen übertrieben". Man müsse aufpassen, dass es nicht zu viele Regeln seien, weil es die Arbeit des Schiedsrichters erschwere.
Schluss mit Zeitspiel: Countdown läuft!
Der Kampf gegen Zeitspiel geht in die nächste Runde. Aufbauend auf der Acht-Sekunden-Regel für Torhüter bei Abschlägen wird das Countdown-Prinzip künftig auch auf Einwürfe und Abstöße angewendet. "Wenn der Schiedsrichter der Meinung ist, dass ein Einwurf oder Abstoß zu lange dauert oder absichtlich verzögert wird, startet er einen visuellen Countdown von fünf Sekunden", erklärten die Regelhüter.
Läuft die Zeit ab, ohne dass der Ball im Spiel ist, folgt die Strafe: Der Einwurf geht an den Gegner; ein verspäteter Abstoß wird mit einem Eckstoß für die andere Mannschaft geahndet.
Bayer Leverkusens Trainer Hjulmand begrüßte die Entscheidung. "Es ist eine gute Idee, ein bisschen mehr Fußball zu spielen", befand der Däne. Der ehemalige FIFA-Schiedsrichter Kinhöfer sprach hingegen von einem falschen Ansatz. "Es wird noch mehr auf den Schiedsrichter abgewälzt. Man will eine höhere Nettospielzeit, warum führt man dann nicht die Nettospielzeit ein? Lass zweimal 30 Minuten spielen, zweimal 35 Minuten", sagte der 57-Jährige im ZDF.
Behandelte Spieler müssen eine Minute draußen bleiben
Auch bei Auswechslungen wird das Tempo angezogen. Spieler, die ausgewechselt werden, müssen das Feld künftig spätestens zehn Sekunden nach Anzeige der Tafel verlassen. Geschieht das nicht, darf der Ersatzspieler erst bei der nächsten Spielunterbrechung eingewechselt werden - bis dahin spielt das Team also in Unterzahl.
Zudem gilt bei Verletzungen eine neue Regel: In Zukunft muss ein Spieler, der behandelt wurde, mindestens eine Minute warten, bis er wieder auf den Platz zurückkehren darf. So will man verhindern, dass sich Spieler behandeln lassen, um Zeit zu schinden.
Mutmaßlicher Rassismus-Vorfall beschäftigt Ifab
Im Hintergrund wird derweil bereits an den nächsten Neuerungen gearbeitet. Das Gremium kündigte an, über Maßnahmen für Fälle beraten zu wollen, in denen "Spieler während des Spiels ihren Mund bedecken, wenn sie den Gegner konfrontieren".
Beim mutmaßlichen Rassismus-Vorfall im Champions-League-Spiel zwischen Real Madrid und Benfica Lissabon soll Lissabons Profi Gianluca Prestianni den Brasilianer Vinícius Júnior als "Affe" bezeichnet haben. Der Benfica-Profi bestreitet das, er hatte sich in der Szene das Trikot vor den Mund gezogen.
Außerdem wollen die Regelhüter künftig einen passenden Umgang dafür finden, wenn "Spieler einseitig beschließen, das Spielfeld als Protest gegen eine Entscheidung des Schiedsrichters zu verlassen". Zuletzt gab es solch einen Fall im Endspiel des Afrika-Cups zwischen Senegal und Marokko im Januar.
+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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