
Im offiziellen Spielplan des Fußball-Weltverbandes FIFA wird die WM-Partie zwischen Ägypten und Iran schlicht als "Match 63" gelistet. Die 63. Begegnung war bei den Weltmeisterschaften von 1998 bis 2022 jeweils das Spiel um Platz drei und ist nach der Erweiterung von 32 auf 48 Nationen nun eines von 72 Vorrundenspielen. Doch "Match 63" ist besonders.
In der Ausrichterstadt Seattle wird an diesem Wochenende das "Pride Fest" ausgerichtet, ein großes, buntes Festival zur Feier der LGBTQI+-Gemeinschaft, für Vielfalt und Gleichberechtigung, mit einer Parade durch die Innenstadt und zahlreichen Konzerten.
Als WM-Begegnung in der deutschen Nacht zum Samstag (5.00 Uhr/MESZ) wurde nach der Auslosung Ägypten gegen Iran angesetzt - das sind zwei Nationen, die weit davon entfernt sind, die Werte des "Pride Fest" auch nur im Ansatz zu teilen.
Die demokratisch geprägte Stadt hatte die Partie schon vor der Auslosung sogar als "Pride Match" ausgerufen. Warum genau dieses Spiel - und nicht die Parallelbegegnung Neuseeland gegen Belgien in Vancouver - nach Seattle gegeben wurde, begründete die FIFA auf Anfrage nicht. Der iranische und der ägyptische Verband reagierten mit scharfer Kritik. Rund um das Spiel drohen sprichwörtlich Welten aufeinanderzuprallen.
Was ist der Hintergrund des Pride-Wochenendes?
"Wir haben keinen Einfluss darauf, was auf dem Spielfeld oder im Stadion passiert - das ist Sache der FIFA. Was wir jedoch beeinflussen können, ist, wie Seattle die Welt während des Pride-Wochenendes willkommen heißt", sagte Hana Tadesse von den WM-Organisatoren der Stadt der Deutschen Presse-Agentur.
Die englische Abkürzung LGBTQI+ steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans-Menschen, queere sowie intergeschlechtliche Menschen – und das Pluszeichen sowie das Sternchen sind Platzhalter für weitere Identitäten und Geschlechter. Das Pride-Wochenende soll an den 28. Juni 1969 erinnern, als es in New York Proteste der LGBTQI+-Gemeinschaft gegen Diskriminierung durch die Polizei gab. Das Ereignis wird als Wendepunkt im Kampf für Gleichberechtigung angesehen.
Was ändert sich für den TV-Zuschauer beim "Pride Match"?
Relativ wenig - abgesehen von atmosphärischen Bildern, die die Sender aus der Stadt oder dem Stadion zeigen könnten. Seattle kann für den Anlass die Stadt in Regenbogen-Farben hüllen, auf dem Spielfeld selbst beteiligt sich die FIFA nicht an dem Aktionswochenende.
Kontroversen um das Thema hatte es auch bei der WM 2022 in Katar gegeben. Dort hatten mehrere europäische Teams geplant, mit der sogenannten "One-Love-Binde" ein Zeichen für die LGBTQI+-Gemeinschaft zu setzen. Mit großem Druck auf die Teams untersagte die FIFA das mit Verweis auf das Reglement, wonach die Spielkleidung keine politischen, religiösen oder persönlichen Botschaften enthalten darf. Zu Beginn des Turniers hatten Ordner zudem Fans mit Regenbogensymbolen den Einlass in die Stadien verweigert. In Seattle sind Regenbogenfahnen auf den Rängen erlaubt.
Wie ist die Lage im Iran und in Ägypten?
Im Iran lebt die LGBTQI+-Gemeinschaft unter einer der härtesten Repressionen weltweit. Homosexualität wird vom theokratischen System als "moralische Verderbtheit" und daher "schwere Sünde" gebrandmarkt. Nach islamischen Rechtsvorschriften kann auf gleichgeschlechtliche Handlungen sogar die Todesstrafe stehen. Transidentität ist vom Staat zwar offiziell anerkannt, doch auch Transpersonen sind massiven gesetzlichen und sozialen Diskriminierungen ausgesetzt.
Zwar sind bislang keine eindeutig belegten Hinrichtungen bekannt - auch um internationale Kritik zu vermeiden. Doch Menschenrechtsorganisationen haben von solchen Fällen bereits berichtet.
In Ägypten steht Homosexualität offiziell zwar nicht unter Strafe. Unter Gesetzen zu Prostitution und "Ausschweifungen" werden Angehörige der LGBTQ+-Gemeinde aber trotzdem verfolgt und verhaftet. Sie werden Menschenrechtlern zufolge auch im Internet zunehmend belästigt, von Ermittlern in Fallen gelockt und dann festgenommen. Zudem gibt es Berichte von Misshandlungen und Gewalt in Haft. Die meisten queeren Menschen leben ihre Sexualität und Identität in Ägypten deshalb nicht offen aus.
Beide Nationen hatten vor dem Turnier erfolglos bei der FIFA gegen das Vorhaben der Stadt, das Spiel als "Pride Match" zu zelebrieren, protestiert. "Wir wollen das unbedingt verhindern und werden dies auch tun", hatte Irans Verbandspräsident Mehdi Tadsch kurz nach der Auslosung gesagt. Ob zwischenzeitlich im Raum stand, die Partie doch noch mit der Begegnung in Vancouver zu tauschen, ist offen. Die FIFA hatte Fragen dazu in den vergangenen Monaten nicht kommentiert.
Wie ist das politische Verhältnis der beiden Länder?
Nach der Islamischen Revolution 1979 wurden die bilateralen Beziehungen abgebrochen, und für über zwei Jahrzehnte herrschte zwischen Teheran und Kairo eine diplomatische Eiszeit. Ausschlaggebend dafür war einerseits Ägyptens Friedensvertrag mit Israel im Rahmen des Camp-David-Abkommens, den das neue islamische System im Iran als Verrat an der palästinensischen Sache und an der islamischen Welt wertete.
Andererseits sorgte die Ermordung des damaligen ägyptischen Präsidenten Anwar Sadat durch Islamisten, denen Ägypten eine Nähe zu iranischen Kreisen zuschrieb, für politische Missstimmung. In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben sich beide Länder jedoch schrittweise angenähert. Inzwischen prüfen sie sogar die Wiederaufnahme voller diplomatischer Beziehungen, einschließlich eines Botschafteraustauschs.
Wie ist die Lage in den USA?
Die Lage von LGBTQI+-Menschen in den USA ist seit dem Amtsantritt von Präsident Donald Trump Anfang 2025 verstärkt Gegenstand politischer Auseinandersetzungen. Die Regierung hat eine Reihe von Maßnahmen gegen die sogenannte "Gender-Ideologie" erlassen, die insbesondere Transmenschen betreffen. Dazu gehören Vorgaben, wonach der Bund nur zwei Geschlechter anerkennt, Einschränkungen bei geschlechtsangleichenden Behandlungen für Minderjährige sowie Beschränkungen für Transpersonen in Bereichen wie Militär und Sport.
Was steht sportlich auf dem Spiel?
Für beide Teams geht es in der umkämpften Gruppe G noch ums Weiterkommen. Ägypten hat mit vier Punkten als Tabellenführer die beste Ausgangslage und würde schon mit einem Remis das Sechzehntelfinale erreichen. Für den Iran ist die Konstellation nach bislang zwei Remis komplizierter. Das Weiterkommen hängt unter Umständen auch vom Parallelspiel ab.
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+++ Redaktioneller Hinweis: Diese Meldung wurde basierend auf Material der Deutschen Presse-Agentur (dpa) erstellt. Bei Anmerkungen oder Rückfragen wenden Sie sich bitte an [email protected]. +++
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